Tiroler Unterhaus bald mit Asylwerbern?

29.12.2013

sans papiers
Der aus Flüchtlingen bestehende FC Sans Papiers Innsbruck will in den Tiroler Unterhaus-Betrieb einsteigen. Vor einem weiteren Gespräch mit dem Fußballverband im Jänner ortet Obfrau Eberl dafür gute Chancen: "Wir spüren große Unterstützung."
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Schauplatz Besele-Areal in Innsbruck. Dort, wo der FC Veldidena und der SK Wilten ihre Heimstätte vorfinden, versuchen junge Männer mithilfe des Fußballs Abstand vom leidgeprüften Alltag zu gewinnen. Sie stammen vorwiegend aus Afghanistan, aber auch aus dem Irak und dem Iran. Seit kurzem stehen zudem zwei Albaner im Kader des FC Sans Papiers Innsbruck.

Der internationale Anstrich des im Herbst 2012 gegründeten Vereins hat nichts damit zu tun, dass das verrückte Transfergeschäft, im Zuge dessen beispielsweise der walisische Superstar Gareth Bale für geschätzte und zugleich unglaubliche 100 Millionen zu Real Madrid wechselte, mittlerweile auch schon auf den Amateurbetrieb übergeschwappt wäre. Die Kicker zwischen 15 und 24 Jahren jagen deshalb im Heiligen Land Tirol dem runden Leder hinterher, weil der Fußball in ihrer Heimat längst zur belanglosen Nebensache mutierte.

Turniersieg in Imst
Der FC Sans Papiers Innsbruck hat auch schon Erfolge vorzuweisen, etwa den ersten Platz beim Integrations-Streetsoccer-Cup in Imst.
Fotocredit: FC Sans Papiers Innsbruck
"Einige wissen nicht einmal, ob ihre Eltern noch leben", erzählt Trainer Mario Bachlechner bei Fanreport von herzzerreißenden Flüchtlingsgeschichten, die keine Menschenseele kalt lassen. "Stehen sie am Platz, sind sie mit einer Freude dabei, wie man sie von kleinen Kindern gewohnt ist." Kommt man aber ins Gespräch, spürt man die bisweilen große Verunsicherung. Bachlechner, der auch bei Union Innsbruck als Nachwuchscoach der U11-Mannschaft fungiert, kann mit der Doppelbelastung gut leben. Seine große Triebfeder liegt in der Hoffnung, den Immigranten dabei zu helfen, in Teilen der Gesellschaft verankerte Vorurteile abzubauen sowie ihnen eine aussichtsreiche Perspektive bieten zu können. Probleme haben sie ohnehin bereits genug.

Zehn negative Asylbescheide

Für die Kenner der französischen Sprache liegt die Übersetzung des Klubnamens freilich auf der Hand. Die meisten Protagonisten des FC Sans Papiers Innsbruck sind nämlich ohne gültige Papiere hier. Traurig, aber wahr: Rund zehn der 24 Kadermitglieder müssen sich derzeit mit einem negativen Bescheid auseinandersetzen. Nach aktuellem Stand dürfen sie nicht längerfristig in Österreich verweilen, die Berufungen sind in vollem Gange. "Die sollen sich trauen, einen von meinen Jungs abzuschieben", zeigt sich Angela Eberl, ihres Zeichens Gemeinderätin und Obfrau des Vereins, in kämpferischer Manier.

Einige wissen nicht einmal, ob ihre Eltern noch leben.
Trainer Bachlechner bei FANREPORT
Die Asylwerber, für die Eberl ständig nach Sponsoren und Wohnungen Ausschau hält, kämpfen sich durch das Innsbrucker Leben, wollen Anschluss finden in der für sie fremden und dennoch wohltuenden Welt. So holen etwa zwei Burschen ihren Hauptschulabschluss nach, andere machen eine Lehre oder verrichten gemeinnützige Arbeit für überschaubaren Stundenlohn. Ein städtisches Programm unter dem Motto "Sport verbindet" führt die Einwanderer gegenwärtig einmal pro Woche in Schülerhorte, wo ein Austausch zu den Themen Asyl und Flucht stattfindet. Sprachkurse und die Regel, im Training Deutsch zu sprechen, erleichtern die Kommunikation.

Sportliche Duelle unter Wettkampfsbedingungen hielten sich für die Sans-Papiers-Kicker bisher in Grenzen. Da und dort standen Turnierteilnahmen auf dem Programm. Freundschaftsspiele, etwa gegen Veldidena oder eine Polizeiauswahl, brachten weitere Bewährungsproben. Die aber schon bald um einiges regelmäßiger stattfinden könnten. Die Absicht, in den offiziellen Meisterschaftsbetrieb des Tiroler Fußballverbandes (TFV) einsteigen zu wollen, stieß bei den dafür federführenden Verantwortlichen nicht auf taube Ohren. Wie uns auch TFV-Geschäftsstellenleiter Gerhard Neurauter bestätigte, gab es bereits Vorgespräche. Obfrau Eberl ortet gute Chancen, schon ab der kommenden Saison in der zweiten Klasse des Tiroler Unterhauses mitwirken zu können: "Im Jänner gibt es die nächste Sitzung mit dem Verband. Ich habe bei dieser Sache ein gutes Gefühl."

"Natürlich brauchen wir eine Ausnahmeregelung"

Sans Papiers
Der technisch saubere Umgang mit dem Ball gilt als Stärke der Asylwerber-Mannschaft.
Fotocredit: FC Sans Papiers Innsbruck
Die Bestimmungen sehen unter anderem vor, eine Kampfmannschaft nur dann aufstellen zu dürfen, wenn auch Nachwuchstruppen installiert sind. Diesbezüglich benötigt der FC Sans Papiers Innsbruck eine Ausnahmeregelung, um sich künftig mit heimischen Truppen auf Augenhöhe messen zu dürfen. "Natürlich brauchen wir die", betont Eberl, "wir spüren aber eine große Unterstützung." Zusätzliche Hoffnung macht ein Fall aus Wien, wo ein Team mit demselben Namen bereits im Liga-Betrieb integriert ist. In der Bundeshauptstadt liegt die Asylwerber-Mannschaft in der 2. Klasse A derzeit auf dem zehnten Tabellenplatz. Irgendwann soll ein internes Freundschaftsspiel ausgetragen werden, aus Kostengründen musste dieses Vorhaben aufgeschoben werden.

Chefbetreuer Bachlechner nennt das körperlose, technische Spiel als die größte Stärke der Einwanderer-Elf. Mit dieser Ressource in der Hinterhand könne man sich - sofern alles reibungslos verläuft - ab August einige Highlights schaffen. "Die Jungs wollen ernst genommen werden. Mit dem Einstieg ins Tiroler Unterhaus hätten wir die Chance, einen weiteren Schritt nach vorne setzen", erklärt Bachlechner. In der ersten Spielzeit würde man - im Fall der Fälle - wohl einiges an Lehrgeld bezahlen müssen. "Im zweiten oder im dritten Jahr traue ich dieser Mannschaft aber einiges zu. Auch den Aufstieg."

Jeder einzelne Sieg besitzt für den FC Sans Papiers Innsbruck dann wohl einen besonderen Glanz. Nicht nur aufgrund des Punktezuwachses in der Tabelle, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass der Großteil der Flüchtlinge im Leben schon genug Niederlagen hinnehmen hat müssen.

Daniel Lenninger
Daniel Lenninger - Redakteur
daniel.lenninger@fanreport.at

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